[Lesung] Ein Abend mit Rafik Schami – Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

3Bevor ich in Urlaub fuhr, hatte ich mir ganz fest vorgenommen, mir noch eine Karte für die Rafik Schami-Lesung im Literaturhaus zu besorgen. Leider kam, wie meistens, das Leben dazwischen und als ich nach meinem Urlaub am 21. September wieder dran dachte, waren die Karten ausverkauft.

Dank der wunderbaren Marion Bösker bekam ich kurzfristig doch noch eine Karte und machte mich am 23. September auf den Weg ins Literaturhaus um Herrn Schami zu lauschen und ich kann eins vorweg nehmen: es war einfach wunderbar!

Erster Eindruck: der Saal ist komplett ausverkauft und ich habe den Eindruck, dass ich mit meinen 34 Jahren deutlich zu den Jüngsten gehören dürfte. Ich sehe mich von hauptsächlich von 60-jährigen, gut gekleideten, schnatternden Damen umgeben und fühle mich pudelwohl. Frau lächelt sich an und kommt hier und da ins Gespräch.

4Das einzige, das mir ein bisschen sauer aufstößt, ist die leider auch hier herrschende „Reservier-Mentalität“: Überall liegen herren- und damenlose Kleidungsstücke auf den Stühlen, die ein vehementes „Hier ist besetzt!“ markieren. Der Platz neben mir, der für eine ältere Dame, die „später sicher noch nachkommt“, bleibt den ganzen Abend leer.

sophiaPünktlich um 20 Uhr beginnt die „Lesung“, die eigentlich keine ist, denn auf dem Tisch vorne auf der Bühne stehen lediglich 2 Flaschen Wasser und das wird auch den ganzen Abend so bleiben. Rafik Schami entführt uns nach Homs und wir erfahren – abgesehen von der Geschichte von Sophia und Karim – einiges über Schamis Heimatland Syrien. Zum Beispiel, dass der Gründervater Syriens Faris al-Churi Christ war. Eine beachtenswerte Tatsache im Hinblick auf die derzeitigen Ereignisse, die sich in Syiren abspielen.

Schon während der ersten Minuten ist eines klar: Rafik Schami ist ein wahrer Meistererzähler. Mich zumindest kann er mit seinen Worten („Die Häuser in Damaskus sind die Kunst des Lebens in Form von Architektur.“), wilder Gestikulation und der Wahnsinns-Stimme sofort in seinen Bann ziehen. Durch seine blumigen und anschaulichen Schilderungen befinden wir uns kurze Zeit später in Damaskus. Das Faszinierende bei Schami ist, dass er die Geschichte so erzählt, als sei sie wirklich passiert und nicht nur seiner Fantasie entsprungen. Der Redefluss ist für einen Mann ohnehin immens und es ist auch kein Ende in Sicht, wenn gefühlt minütlich die Sätze „… aber darauf komme ich noch zurück“  und „… aber das ist eine andere Geschichte.“ fallen.1

Wir erfahren, welche Bedeutungen manche Namen im Buch haben: so ist Maha das Mädchen mit den großen Augen und Salman werden Jungen oft genannt, wenn sie nach voher erlittener Fehlgeburt(en) auf die Welt kommen. Mir als Araberin geht das Herz auf bei den schönen Arabischen Namen, die auch endlich mal wieder richtig ausgesprochen wurde (ja, ich weiß, dass ich das von einem Mitteleuropäer nicht erwarten kann! 😉 ).

2Da das Thema Assad und Syrien ja leider immer noch sehr aktuell sind, nimmt Rafik Schami auch hierzu Stellung („Jeder Exilant trägt eine Wunde in sich. „Das einzige System, das in Syrien funktioniert, ist die Korruption.“): auch er hätte Amnestie bekommen, Voraussetzung wäre jedoch ein Treffen mit Baschar al Assad und Presserummel am Flughafen gewesen. Dies verstieß so sehr gegen Schamis Prinzipien, dass er ablehnte, auch wenn dies bedeutet, nie wieder das Land seiner Geburt besuchen zu dürfen.

Die 90-minütige Erzählung endet auch mit dem Ende des Geschichte um Sophia und Karim und mit dem Fahrradfahren: man mag es gar nicht glauben, aber dies ist den Frauen in arabischen Ländern meist nicht gestattet (siehe auch: „Das Fahrrad symbolisiert für mich das Grundkonzept der Moderne“) und die Zuschauer wurden, nachdem sie vor Ort gekaufte/von Zuhause mitgebrachte Bücher von einem sehr, sehr netten und charmanten Autor signieren lassen konnten, in den Abend entlassen.

Ich war schon auf einigen Lesungen, aber diese gehört ganz klar unter die Top5! Es war wirklich beste Unterhaltung sowohl literarischer als auch kultureller, politischer, poetischer und vor allen Dingen: menschlicher Natur!

Veröffentlicht in Allgemein

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