[Rezension] Anna Erelle – Undercover Dschihadistin, Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte

5 Dinge, die mir spontan zum Buch einfallen:
IS, Terror, Tagebuch, Frankreich, Islam

Das sagt der Verlag über das Buch:
Die Journalistin Anna Erelle recherchiert in den sozialen Netzwerken, mit welchen Methoden radikale islamistische Organisationen in Europa Jugendliche für den Krieg in Syrien und dem Irak anwerben. Unter dem Deckmantel der jungen Konvertitin Melodie nimmt sie auf Facebook Kontakt mit einem Kommandanten im Islamischen Staat auf, dem gerissenen Rekrutierer Abu Bilel. Er ermuntert sie, nach Syrien zu reisen, und malt ihr ein verlockendes Leben an seiner Seite aus. Über vier Wochen korrespondiert Melodie mit Abu Bilel und entlockt ihm Informationen über Strategien des Islamischen Staats und das Söldnerleben in der Kampfzone. Dabei wird ihr erst allmählich klar, in welche Gefahr sie sich begibt.

Meine bescheidene Meinung:
Anna ist als freischaffende Journalistin in Paris für mehrere Zeitungen tätig und hat es sich vor einiger Zeit zur Aufgabe gemacht, die Rekrutierung junger Menschen in den sozialen Medien durch Mitglieder radikaler Gruppierungen wie den Taliban und dem IS untersuchen um einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen.

So wird Anna zu Melodie, einer Mischung aus den Jugendlichen, deren Weg sie nach Syrien begleitet hat. Melodie ist eine junge französische Konvertitin, nicht übermäßig gebildet, ein bisschen naiv, stammt aus einem Arbeiterhaushalt und lebt mit ihrer Schwester und der alleinerziehenden Mutter in der Nähe von Lyon. Sie spiegelt die Frustration vieler junger Franzosen wider, die ihre Hoffnung auf Glück und Zufriedenheit in den Islam setzen.

Und siehe da: sie ist das gefundene Fressen für Abu Bilel al-Firansi, „der Franzose“, einen ca. 38jährigen Kämpfer, stammend aus Rubaix in Frankreich mit algerischen Wurzeln, der gerade in Syrien ist, und sie bereits in seiner ersten Facebook mit den Worten:

Salam aleikum Schwester, […].
Bist du Muslimin?
Was hältst du von den Mudschaheddin?
Und eine letzte Frage: Hast du vor, nach Syrien zu kommen?

konfrontiert. Was danach kommt, war für mich absolut unglaublich. So etwas Hartnäckiges, Manipulatives und vor allen Dingen Heuchlerisches habe ich glaube ich noch nie erlebt (außer den kleinen hässlichen Mann in den 30ern…): Einerseits will Abu Bilel Gotteskrieger sein und verteufelt alles Westliche, andererseits trägt er stolz seine RayBan Sonnenbrille und trinkt am liebsten Pepsi Cola und isst amerikanischen Pudding.

Er erscheint wie ein liebestoller Makler, der das Leben im Kalifat an „seine“ Frau bringen will:

Hör mir zu!  Ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor jemanden geliebt habe. Es ist mir unerträglich, dass du auch nur noch einen Tag fern von mir inmitten all dieser Sünde lebst. Ich will dich beschützen. Ich will alle Dämonen dieser Welt von dir fernhalten. Wenn du zu mir kommst, wirst du sofort von unserem Paradies begeistert sein.

À propos „seine“ Frau: man glaubt ja gar nicht, wie schnell man im Kalifat verheiratet ist: eines Abends verkündet er Melodie, dass sie, sobald sie den Boden des Kalifats betritt, seine Frau sei. Mit dem Imam wurde auch schon alles geregelt. Dabei spielt vielleicht keine unwesentliche Rolle, dass der überaus verliebte Gotteskrieger wohl die rechte Hand Abu Bakr al-Baghdadi sein soll und wohl recht viel zu sagen hat im islamischen Staat.

Über diesen erfährt der Leser im Allgemeinen recht viel, jetzt mal abgesehen von den Prahlereien Abu Bilels, wie geil alles im IS ist, wie viel Spaß alle haben und dass dieser heile Ponyhof eigentlich überall auf der Welt sein sollte. Wir erfahren einiges über die Leute, die zum IS kommen (da ist dann auch gerne mal ein ehemaliger US Marine dabei), woher sie stammen und warum sie im IS sind (erwähnte ich bereits, dass dort alles besser, schöner und toller ist als irgendwo?!).

Allgemein fällt auf, dass bei den Herrschaften eigentlich alles über Hirnwäsche läuft. Abu Bilel hämmert Melodie jeden Tag immer wieder das selbe ein, versucht, sie von deren Mutter und Schwester zu entfremden und schwört sie auf das reine, gottgefällige Leben in Syrien ein. Hierbei merkt man sehr stark, wie sehr Erelle mit ihrer Rolle der naiven, etwas dümmlichen, wenn auch friedensliebenden Melodie kämpft, was ich sehr gut verstehen kann: mir ging schon alleine beim Lesen das Messer in der Tasche auf ob der ungeheuerlichen Dinge, die Abu Bilel in Sachen „Ungläubige“, „Islam“ (ich setz‘ das jetzt absichtlich mal in Anführungszeichen) von sich gibt.

Aber Anna ist im Auftrag der Aufklärung unterwegs und bleibt stark (auch wenn gegen Ende des Buches die Fassade ziemlich bröckelt) und versucht, Abu Bilel mit ihrer Hidschra (Auswanderung) hin zuhalten und trotzdem weiterhin an Informationen zu bekommen. Und so bleibt sie auch nicht untätig auf der Couch sitzen, sondern macht sich – zumindest teilweise – auf den Weg zu Abu Bilel: Die vorgezeichnete Route lautet Paris – Amsterdam – Istanbul und dann weiter an die türkisch/syrische Grenze. Unterwegs bekommt Melodie immer wieder Instruktionen von verschiedenen Kontaktmännern, hält mehr oder minder Kontakt mit Abu Bilel, der seine Braut („bring bitte schöne Unterwäsche mit!“) ungeduldig erwartet.

An und für sich superspannend, dieser letzte Teil, wenn da nicht dieser Faux-Pas wäre, bei dem ich mich immer wieder frage: war die gute Frau so blöd oder war das jetzt dazu gedacht, die Situationsdramatik noch ein bisserl mehr in die Höhe zu treiben: Anna muss Abu Bilel von ihrem privaten Handy aus anrufen, da es keine andere Möglichkeit gibt und setzt damit ihre Deckung aufs Spiel. Jetzt fragt man sich: wieso denn das? sie kann beim Telefonieren doch die Nummer unterdrücken, da bleibt man ja anonym. Dachte ich auch, aber anscheinend geht/ging das nicht. Dies zieht einen ewigen Rattenschwanz hinter sich, in dem Anna sich als Melodies Mutter ausgeben und ihre Nummer wechseln muss. Ist zwar nur ’ne Kleinigkeit, hat mich aber ziemlich genervt, weil es einfach so unnötig war. Nun gut.

Den endgültigen Schritt tritt Anna nicht an und fliegt zurück nach Paris. Seitdem ist Melodie tot und – wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf – ebenso Abu Bilel. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger, da sollte man wohl nichts drauf geben. Erelle lebt seitdem unter Polizeischutz, man hat eine Fatwa mit der Forderung ihres Todes über sie verhängt.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber mir erschien es am Ende mit seinen 272 Seiten ein bisschen zu dünn. Auch wenn das Beschriebene sehr intensiv war, hätte ich mir etwas mehr Tiefe, was die Gespräche mit Abu Bilel angeht, gewünscht. Es kann natürlich auch sein, dass der Gute wirklich so verbohrt war und immer das Gleiche erzählt hat, aber das wurde mit der Zeit wirklich ein bisserl arg eintönig.

Summa summarum ein sehr interessanter Einblick hinter die Kulissen des IS mit sehr vielen Infos über Jugendliche, die den Weg nach Syrien gegangen sind, wobei mich hierbei gerade die Mädels absolut sprachlos gemacht haben.

Ich wünsche Anna Erelle, oder wie auch immer sie heißen mag, bald wieder ein „normales“ Leben, befürchte aber in Anbetracht der Tatsache, dass der IS immer mächtiger wird, dass das so schnell nichts werden wird.

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anna
Quelle: knaur.de

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