[Lesung] [Rezension] Karim El-Gawhary – Frauenpower auf Arabisch: Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

Es ist schon ziemlich lange her, dass ich bei der Lesung von Herrn El-Gawhary war und sie ist mir einfach so negativ im Gedächtnis geblieben, dass ich lange Zeit weder eine Rezension über das Buch (das mir recht gut gefallen hat) noch über die Lesung schreiben wollte, weil mich alleine der Gedanke daran wütend gemacht hat. Aber erst mal von Anfang an:

Ich habe von Herrn El-Gawhary bereits das Tagebuch der arabischen Revolution gelesen, das ich solide und ganz gut fand. Als der Verlag mir nun sein neues Sachbuch anbot, sagte ich gerne ja, weil die Frauen in den arabischen Ländern ja nicht wirklich ein Sprachrohr haben und ich gespannt war, was Herr El-Gawhary mir zu erzählen hatte. Und ich muss sagen, es hat mir wirklich gut gefallen. Das fängt schon mit der Covergestaltung an, ein Graffiti der ägyptischen Künstlerin Mira Shihadeh, die ihr Supergirl Männer wie Insekten mit den Worten Nein zur sexuellen Belästigung! weg sprühen lässt.

Umm Khaled
Bild: Michael Atef – gefunden bei: taz.de

Die verschiedensten Geschichten über mutige Frauen aus dem arabischen Raum haben mich geschockt, gefreut, traurig gemacht und mir mal wieder klar gemacht, dass es immer geht – sofern man nur möchte. Das Buch ist aufgeteilt in 3 „Arten“ Frauen: die stolzen Pionierinnen (die mir persönlich am stärksten im Gedächtnis geblieben sind), wie beispielsweise die supercoole Umm Khaled, die mit ihrem 30 Tonner durch Ägypten brettert oder auch Samira und Iman, die mitten in der Wüste Tomaten und anderes Gemüse anpflanzen und sich gegen unheimlich viele Widrigkeiten der männergeprägten ägyptischen Bürokratie wehren mussten – bei ihnen hätte ich sehr gerne gewusst, wie es ihnen mittlerweile geht, worauf Herr El-Gawhary leider keine Antwort hatte, da die Geschichte schon drei Jahre alt ist – sehr schade! Und natürlich muss hier auch wunder-wunder-wunderbare Ghalia, die im ägyptischen Fernsehen zeigt, wie man würdevoll mit wenig Geld kochen kann, erwähnt werden. Ein absoluter Renner im TV, in dem auch live immer Leute anrufen und Fragen stellen können.

Die zweite Kategorie der Frauen sind die Verliererinnen wie Umm Naama, die sich tagtäglich der Herausforderung, 6 hungrige Mäuler mit lediglich 1 EUR Budget zu stopfen, stellen muss oder auch Kamile, die in Palästina ihren Sohn an den Krieg gegen die Israels abtreten musste. Auch wird die Geschichte von Ajat, einer jungen Sprengstoffattentäterin erzählt, die ihr Leben für ihr Land gegeben hat. Zu guter Letzt wären da noch die unerschrockenen Kämpferinnen: Frauen, die immer noch aktiv dafür kämpfen, endlich gehört und als mündige Bürger akzeptiert werden wollen. Da in allen Ländern des arabischen Frühlings immer noch einiges im Argen liegt, erzählen uns Frauen vom ägyptischen Tahrir-Platz von ihren Schicksalen, in Libyen vom Kampf gegen Gaddafi und Zainab, eine junge Bahrani macht auf Twitter unter dem Pseudonym angryarabia über die Missstände im Golfstaat aufmerksam.

Insgesamt 22 interessante Portraits toller, mutiger, interessanter Frauen, für die jeder Tag ein Kampf ist. Kampf gegen das Patriarchat und damit verbundene Belästigung und Schikane, Kampf gegen den Hunger, Kampf gegen die Tradition. Kampf für ein gerechtes Leben. Vieles ist dem westlichen Leser absolut fremd, was mal wieder zeigt, wie gut es uns eigentlich geht und mind. 50 % unseres Gejammers auf recht hohem Niveau stattfindet, was einen doch recht schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Jetzt aber zur Lesung, denn die war leider nicht so erfreuliche wie das Buch, wobei sie recht vielversprechend begann: Herr El-Gawhary sagte gleich zu Anfang, dass er nicht aus dem Buch vorlesen wolle (gute Idee!), sondern ein bisschen von seinen Reisen, Interviews und den Menschen, die er dabei kennengelernt habe, erzählen wolle. Laut meinen Aufzeichnungen ist er ein großartiger Erzähler, der auch gleich zu Anfang die mehr als mäßige Moderatorin alt aussehen ließ und den Abend zur One Man Show machte. War bis zum Diskussionsteil auch okay so. Er berichtete von Syrien und dem Flüchtlingsstrom und vielen Gesprächen, die er mit Flüchtlingen geführt hatte. Interessant waren auch die Berichte über seine Reisen nach Tunesien und Libyen direkt nach dem Sieg über die Diktatoren; man fühlte sich direkt in die Zeit zurückversetzt und mittendrin im Geschehen.

Nach einer guten halben Stunde ging es dann mit der Diskussionsrunde los und spätestens nach meiner ersten Frage (bezugnehmend auf eine Erzählung im Buch, bei der der Autor von einem Mann erzählte, dessen Frau ihr Leben nun nach den Reden eines Fernsehpredigers ausrichtete und selbst zu Hause komplett verschleiert herumlief, was dem Gatten – welch Überraschung! – gar nicht gefiel), ob er denn denke, dass nun, dass auch Mursi hatte den Hund nehmen müssen, radikalisiert werden könne, hatte Herr El-Gawhary endgültig bei mir verloren, denn er redete und redete und redete und – sagte dabei gar nichts. Nicht im geringsten ging er auf meine Frage ein und das änderte sich auch bei den kommenden Fragen nicht wirklich. Leider kam’s noch schlimmer: man merkte, dass er wohl irgendwann keine Lust mehr hatte und auch recht patzig und unwirsch wurde – sehr unsympathisch. Nachdem er meine Frage nach der Verhaltens-Entwicklung gerade bei den ägyptischen jungen Männern derart abkanzelte, hab ich für mich einen Haken gemacht und auch die Signierstunde (auf die ich mich sehr gefreut habe, weil ich – bedingt durch meine Herkunft – noch an seiner Einschätzung zur Lage in Tunesien interessiert war) nicht mehr abgewartet und bin gegangen.

Summa sumarum ein gutes Buch von einem Autor, der sich meiner bescheidenen Meinung nach leider viel zu wichtig nimmt und das tun sollte, was er wohl am besten kann: berichten und erzählen.

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