[Rezension] Jenna Miscavige Hill – Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht

5 Dinge, die mir spontan zum Buch einfallen:
Tom Cruise, Auditing, gefährlich, Gehirnwäsche, grausam

Das sagt der Verlag zu dem Buch:
Jenna Miscavige Hill, die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige, wuchs als Scientologin auf, verließ die kontrovers diskutierte Organisation aber im Jahr 2005. In ihrer Biographie enthüllt sie die befremdlichen und verstörenden Details ihrer Kindheit. Sie gibt einen erschütternden Einblick in ihre Erfahrungen als Mitglied der Sea Organization, das Machtzentrum von Scientology, und legt die Überzeugungen, Rituale und Geheimnisse einer Organisation offen, die bereits Hollywood-Stars wie Tom Cruise und John Travolta in ihren Bann gezogen hat. Sie erzählt, wie sie von ihrer Familie abgeschirmt wurde, und berichtet schließlich auch von ihrer mutigen Entscheidung, mit Scientology endgültig zu brechen.

Meine bescheidene Meinung:
Das Buch Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht von Jenna Miscavige Hill dürfte schon allein deshalb interessant sein, weil die Autorin eine der wohl berühmtesten Scientology-Aussteigerinnen der Welt ist – nämlich die Nichte des aktuellen Scientology-Oberhauptes David Miscavige. Die heute 29-jährige beschreibt darin ihre Kindheit und Jugend bei Scientology in den USA sowie ihren Austritt als junge Erwachsene.

Da ihre Eltern hohe Führungskräfte der Church sind, wird Jenna schon als Kind nach den Vorstellungen der Church erzogen. Wie es bei Scientology üblich ist, wächst sie weitestgehend getrennt von ihrer Familie auf und kommt schließlich im Grundschulalter auf die sogenannte „Ranch“, eine Art Scientology-Internat. Dort erhalten die Kinder jedoch keine gewöhnliche Schulausbildung, sondern leben völlig abgeschottet von der Außenwelt, müssen schwere körperliche Arbeiten verrichten, werden fortlaufend psychisch unter Druck gesetzt und mit den Weisheiten und Lehren des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard indoktriniert. Ihre Ausbildung zielt darauf, sie zu folgsamen Mitarbeitern wenn nicht gar Führungskräften der Church heranzuziehen. Einer solchen Gehirnwäsche unterzogen, unterschreibt auch jedes Kind brav einen Vertrag, der es für 1 Milliarde Jahre an Scientology bindet.

Jenna, die einmal eine genauso wichtige und angesehene Rolle in der Kirche spielen möchte wie ihre Eltern und sich nichts sehnlicher wünscht, als mit ihnen zusammenzuleben, erweist sich als besonders folgsam. So wird sie schon mit 12 Jahren in die Sea Organization, die oberste Führungsorganisation der Kirche, aufgenommen. Doch auch hier wird sie weiterhin von ihren Eltern getrennt und völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Mitglieder der Sea Organization leben unfrei, werden unterdrückt und psychisch ständig unter Druck gesetzt. Es gibt keinerlei Privatsphäre, materieller Besitz ist fast nicht möglich und der „Lohn“ für die Hilfsarbeiten wie Wäschewaschen, Putzen, etc., die Jenna verrichtet, ist so knapp bemessen, dass er oft nicht einmal für das Essen in der Kantine reicht, das sie sich gerne kaufen würde. Bei den kleinsten Regelüberschreitungen wird sie psychisch nur noch stärker drangsaliert und muss mit körperlich anstrengenden Arbeiten als Strafe rechnen.

Schließlich beginnen sich Zweifel bei Jenna einzuschleichen. Sie setzen ein mit der Bestrafung ihrer Mutter für eine Affäre mit einem anderen Mann, werden verstärkt durch den Austritt ihres Bruders und durch Schwierigkeiten, in die sie selber gerät, als sie sich in einen Jungen verliebt. Doch auch weiterhin ist sie so überzeugt von Scientology, dass sie sich als 16-jährige weigert, die Kirche zu verlassen, als ihre Eltern ebenfalls austreten. Jenna bleibt noch einige Jahre Mitglied der Kirche bis sie schließlich gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Scientology-Mitglied, unter dramatischen Umständen die Kirche verlässt und seitdem erst ihr Leben in Freiheit richtig zu schätzen weiß.

Der Roman ist schonungslos offen und ehrlich geschrieben und eröffnet einem Wahrheiten über Scientology, die man nicht für möglich gehalten hätte. Oftmals kommen einem die Schilderungen wie Erzählungen aus einer anderen Welt vor. Es ist erstaunlich, wie effizient das System der Gehirnwäsche von Scientology funktioniert und wie erfolgreich es der Organisation gelingt, eine große Anzahl ihrer Mitglieder in völliger Abgeschnittenheit von der Außenwelt zu halten und als Individuen völlig zu unterdrücken, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Die Schilderungen von Jenna Miscavige Hill erinnern stark an Berichte aus einem Leben unter einem fundamentalistischen System. So schwanken auch die Gefühle beim Lesen zwischen Wut auf die „Täter“ und Mitleid mit allen, die einer solchen Gehirnwäsche unterzogen wurden, dass ihnen freies und eigenständiges Denken völlig fremd ist. Denn viele von ihnen sind wie auch Jenna schon seit dem Kleinkindalter bei Scientology und haben keinen Vergleich, wie ihr Leben aussehen könnte. Auch wird die Hilflosigkeit des Einzelnen gegenüber einer so mächtigen Organisation deutlich. Der Roman beschreibt auf der einen Seite ein furchtbares Einzelschicksal, steht aber exemplarisch für viele weitere ähnliche Geschichten. Jenna Miscavige Hill muss man dabei unweigerlich großen Respekt für ihren Mut und ihren starken Willen zollen.

Wie sich Prominente noch freiwillig als Werbeträger der Church hergeben können, ist einem spätestens nach dieser Lektüre völlig unverständlich. Zwar hat Scientology wirksame und hochprofessionelle Systeme entwickelt, um nach außen einen Schein der Harmlosigkeit aufrechtzuerhalten. Prominenten Mitgliedern kommt zu diesem Zweck bekannter Weise eine Sonderbehandlung zu. Dennoch bleibt ein völliges Unverständnis zurück, wie man eine solch unmenschliche Organisation mit seinem Gesicht unterstützen kann und sie nicht hinterfragt. Doch einmal mehr zeigt sich darin auch der Erfolg der Indoktrinierung – denn Dinge in Frage zu stellen, ist bei Scientology absolut unerwünscht.

Insgesamt ein mehr als empfehlenswertes Buch, das sich spannend bis zum Ende liest und einem zu denken und genügend Stoff zum Diskutieren gibt.

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© randomhouse.de

 


2 Gedanken zu “[Rezension] Jenna Miscavige Hill – Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht

  1. Hier findet man die Wahrheit über Jenna Hills Leben:
    http://castilecanyonschool.org/articles/frequently-asked-questions
    Ich frage mich eh oft, wenn diesen angeblichen Ex-Scientologen so viel schlimmes passiert ist, weshalb klagen sie dann nicht, sondern schreiben Bücher (wo sie viel Geld mit verdienen) und springen von Talkshow zu Talkshow (wo sie viel Geld mit verdienen)?!
    Aber wahrscheinlich habe ich mir die Frage damit selbst schon beantwortet … außerdem braucht man vor Gericht tatsächliche und stichhaltige Beweise, die man in den Medien (leider) nicht braucht!

  2. Ich habe heute einen Artikel in einer Zeitschrift über das Buch gelesen und stolpere nun über deine Rezension… Ich denke, das ist ein Buch, das ich auch interessant finden könnte… Ich setze es mal auf meine Wunschliste.

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