[Gastrezension] François Loeb – Lea und Siegfried. Die Geschichte einer Liebe, die nicht sein durfte und doch denkbar war

5 Dinge, die spontan zum Buch einfallen:
Liebe, Hoffnung, Nationalsozialismus, Mut, Widerstand

Das sagt der Verlag zu dem Buch:
Eine deutsche Kleinstadt in den Dreißigerjahren: Die jüdische Schülerin Lea ist den Schikanen ihres antisemitischen Biologielehrers Zauss schutzlos ausgeliefert und nur die Liebe ihres Mitschülers Siegfried lindert ihre wachsende Verzweiflung: Trotz drohender Sanktionen tritt er mutig und standhaft für Lea und seine Ideale ein. Einzelne Bürger folgen seinem Beispiel und zeigen sich solidarisch mit der jüdischen Bevölkerung. Die Mehrheit reagiert jedoch mit Wegschauen und schlimmstenfalls Beteiligung am nationalsozialistischen Terror. Ein altes Bergwerk, von Siegfried liebevoll hergerichtet, dient Lea und Siegfried als Zufluchtsort. Hier trifft Siegfried einen folgenschweren Entschluss, der zu einer dramatischen Entwicklung führt.

Evas bescheidene Meinung zum Buch:
Die Geschichte von Lea und Siegfried spielt im Nazideutschland der 1930er Jahre. In dem kleinen Örtchen S. übernehmen nach und nach die Nationalsozialisten die Macht – zunächst psychologischund dann auch politisch. Allen voran der Gymnasiallehrer Zauss, der Lea, die Hauptperson der Erzählung, in Biologie unterrichtet. Lea ist ihm als Jüdin der größte Dorn im Auge. Er lässt nicht nach, sich immer neue Gemeinheiten und Demütigungen auszudenken, um Lea bloßzustellen und zu erniedrigen. Sein liebstes Schulbuch über Schmarotzer in der Pflanzenwelt dient ihm dabei als Inspiration. Während sich um Lea herum immer mehr Menschen dem Lehrer anschließen, halten wenige Freunde zu ihr. Allen voran ihre Klassenkameradin Suzanne und ihre große Liebe Siegfried. Dieser verteidigt Lea, wann immer er kann und scheut auch nicht, sich selber dafür in Gefahr zu bringen. Während Lea unter den Schikanen des Alltags mehr und mehr leidet, flüchtet sie sich mit Siegfried in eine andere Welt, in der sie beschützt und glücklich ist. Diese Momente helfen ihr, die Grausamkeiten zu überstehen.

Die Erzählung von François Loeb, erschienen im Allitera Verlag, fällt zunächst einmal durch ein ungewöhnliches Format ins Auge – bevor der Blick auf einen Rechtschreibfehler im Klappentext fällt. Wer dennoch das Buch aufschlägt, dem wird auch der Einstieg in die Geschichte nicht unbedingt leicht fallen. Die etwas altertümliche und zuweilen etwas gewollt wirkende Sprache des Autors mag nicht jedermanns Sache sein. Am Anfang der Erzählung steht zudem eine Reihe von Gedichten, über die man zunächst einmal stolpert. Der Autor schiebt die kurzen Gedichte im weiteren Verlauf der Erzählung immer wieder ein. Sie lassen den Leser jedes Mal im Lesefluss stocken und innehalten. Nach und nach erschließt sich einem jedoch diese zweite parallele Geschichte in Gedichtform, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht und in der ein Ich-Erzähler auf den Spuren von Lea und Siegfried wandelt, um herauszufinden, was heute von ihnen geblieben ist.

Das Buch ist nicht nur in die zwei Ebenen Prosa und Gedichtform unterteilt. Erzählt wird außerdem abwechselnd aus der Perspektive von Lea und von Siegfried. Durch diese Unterteilung in recht kurze Absätze liest sich das Buch abwechslungsreich und spannend. Lässt man sich von den ersten Unwegsamkeiten nicht aufhalten, dann entdeckt man eine sehr spannende, ergreifende und trotz des düsteren Themas schöne Geschichte. Der Autor versteht es sehr gut, den Leser die unterschiedlichsten Emotionen durchleben zu lassen. Man leidet mit Lea, fühlt mit ihr die hilflose Wut über die Ungerechtigkeiten, die ihr angetan werden und freut sich mit ihr, dass ihr zumindest die Fluchten mit Siegfried bleiben. Die Figur der Lea ist dabei nicht besonders tiefgründig konzipiert, was aber für die Botschaft der Geschichte auch nicht zwangsläufig notwendig ist. Siegfried – wie sein Name schon andeutet – ist die Heldenfigur der Erzählung. Er steht jederzeit mutig zu Lea und ist bereit alles zu tun, um dem einsetzenden Terror gegen Lea und alle Juden im Ort ein Ende zu setzen. Dabei geht er sogar weiter, als Lea es wollen würde und lehnt sich gegen die eigene Familie auf. Seine Figur wirkt durchweg etwas zu makellos rein und heldenhaft – dennoch ist sein Mut zweifellos vorbildlich und bewundernswert.

Wie der schöne Untertitel der Erzählung andeutet, spielt der Autor mit Realität und Wirklichkeit. Dabei ist er sehr geschickt und fesselt den Leser. Der Ich-Erzähler der heutigen Zeit erkundet Orte, an denen Lea und Siegfried gelebt haben. Sind ihre Figuren wirklich fiktiv? Sind sie nur denkbar? Zusätzlich spielt Loeb mit der Überlieferung einer alten Geschichte aus der Gegend des Örtchens S., die er immer wieder aufgreift und die ihm als roter Faden seiner Erzählung dient. Auch hier ist nicht ganz klar, wie viel Wahrheit darin steckt. Der Autor möchte mit seiner Geschichte zwar die Grausamkeiten der damaligen Zeit thematisieren. Es geht ihm aber nicht um Verurteilung. Er möchte vielmehr zu Wachsamkeit aufrufen und die Menschen zu mehr Zivilcourage ermutigen. Obwohl seine Erzählung kein Happy End hat, vermittelt er diese Botschaft erfolgreich. Man schließt das Buch schließlich zwar auf der einen Seite fassungslos, wie es zu solchen Unmenschlichkeiten kommen konnte – aber dennoch frohen Mutes.

Clip-Art_BibliothekClip-Art_BibliothekClip-Art_Bibliothekhalbes

Lea und Siegfried
(c) Allitera Verlag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s