[Rezension] Antonia Michaelis – Der Märchenerzähler

5 Dinge, die mir spontan zum Buch einfallen:
deprimierende Umgebung, Winter, Tod, Plattenbau, also-so-hatte-ich-mir-das-jetzt-nicht-vorgestellt

Zum Inhalt:
Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden?

Meine bescheidene Meinung:
Ich habe das Buch vor einiger Zeit mehr oder weniger zusammen mit Anne von Catbooksblog gelesen und mich bisher recht erfolgreich um eine Rezension gedrückt, weil mir nicht wirklich was einfallen wollte, was ich hätte schreiben können ohne gänzlich den Inhalt zu verraten. Nun ja, ich versuch’s zumindest mal.

Wie immer ist mir als Erstes das „Exteriööööör“ aufgefallen. Sprich: Covergestaltung. Super schön gemacht und wie schon im Leserunden Post gesagt, hätte man sich bedingt durch die Tatsache, dass Buchdeckel und -rücken mit dem Schutzumschlag identisch sind, den Letzteren auch schenken (und das Buch dadurch nen guten Eurogünstiger machen) können.

Was die Inhalte der Geschichte angeht, war ich vorher noch nicht allzu sehr „versaut“, wie ich es vielleicht jetzt wäre. Denn die Diskussionen, ob und was in ein Jugendbuch gehört und was vielleicht auch nicht, machte fast vor keinem Blog halt. Und tatsächlich bietet Der Märchenerzähler mehr als genügend Gesprächsstoff, beispielsweise gehe ich mit dem von Oetinger empfohlenen Lesealter von 14 Jahren absolut NICHT d’accord. Aber dazu später.

Als ich das Buch begann, dachte ich mir als erstes: geht’s noch düsterer? Vielleicht noch eine Nuance deprimierender? Vielleicht doch noch ein My hoffnungsloser? In einem Wort: nicht sehr einladend für gemütliche Lesestunden. Kurze Zeit spätere sollte ich merken, dass es sich weniger Wohlfühl-Lesestunden, sondern um rasante Spannungs Jugend-Literatur handelte. Ich habe schon lange nicht mehr so lange gerätselt, wer der geheimnisvolle Fremde ohne Gesicht sein könnte. Ständig hatte ich jemand anderem im Visier und eins muss ich Frau Michaelis lassen: Sie versteht sich sehr gut darauf, den Leser in die Irre zu treiben. Andererseits muss ich jedoch gestehen: nein, mit der Auflösung bin ich nicht zufrieden.

Ebenso wenig, wie ich damit zufrieden bin, dass Achtung, Spoiler! die Protagonistin Anna ihr Erstes Mal als Vergewaltigung erleben muss. Viele Blogger haben geschrieben, dass die Tatsache, dass Anna Abel sehr schnell vergibt und danach mit ihm mehr oder weniger zur Tagesordnung übergeht, als falsches Vorbild dargestellt würde. Diese Ansicht teile ich nicht, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Verhalten (ob es jetzt richtig ist oder nicht, sei mal dahingestellt), lediglich die Realität widerspiegelt. Mir hat jedoch gefehlt, dass die Autorin die Vergewaltigung noch einmal aufgreift und diese als das verurteilt, was sie ist: etwas Abscheuliches, das nicht zu entschuldigen ist.

Was mir hingegen sehr gut gefallen hat, war die Vermischung von Fiktion und Realität. Damit meine ich jetzt die Geschichte, die Abel Anna und seiner kleinen Schwester erzählt. Ich habe mich selbst oft dabei ertappt, die Figuren im Märchen mit den „echten“ Menschen zu und dann die Geschehnisse in der Erzählung mit der tatsächlich passierten Handlung zu vergleichen. Auch habe ich mich immer wieder gefreut, wenn Abel zum Erzählen ansetzte, da man schon wissen wollte, wie es der kleinen Prinzessin weiter ergehen würde.

Ein Buch, für das ich ehrlich gesagt, kein schlussendliches Fazit ziehen kann, da es mich zu gleichen Teilen erschreckt, erfreut, begeistert und entgeistert, bezaubert und entzaubert hat. Von mir gibt’s daher auch keine Wertung, sondern den Tipp an alle, die es lesen möchten, dies zu tun – um sich dann ihr eigenes Bild zu machen.


4 Gedanken zu “[Rezension] Antonia Michaelis – Der Märchenerzähler

  1. Ich finde die Rezension auf ihre Art sehr gelungen. Das Buch zu beschreiben ist sowieso schon schwierig und dann auch noch ohne zu viel zu spoilern….
    Deine Meinung den Spoiler betreffend finde ich sehr richtig. Ich empfinde da genauso.
    Grundsätzlich finde ich, kann man sagen, dass „Der Märchenerzähler“ zum Diskutieren und Nachdenken anregt. Das finde ich immer gut.
    Und wie du schon sagst: Spannend ist es allemal.

    Lieben Gruß, Christine

  2. Puh also, ich habe mir auch überlegt, soll ich dazu eine eigene kleine Rezension schreiben, oder eher nicht? Erst mal würde mir auch überhaupt nicht einfallen, was ich schreiben könnte ohne den Inhalt zu verraten, ich bin froh dass es auch einer erfahrenen Rezensentin wie Dir schwer fällt 🙂

    Mir gefiel die Geschichte ausserordentlich gut, obwohl die Lösung mehrmals zum Greifen nah ist, verwirft man sie im nächsten Moment wieder und hat jemanden anderen im Verdacht. Ich mochte die rasanten Wendungen und den Schreibstil und ich habe gemerkt, wie ich manchmal ganze Sätze nur überflogen habe nur um ENDLICH zum Satz mit dem nächsten Clou zu kommen!

    Um ganz kurz auf den Spoiler einzugehen:
    Vielleicht sollte die Autorin nochmal drauf eingehen, denn es ist ein Jugendbuch. Wäre es nicht als Jugendbuch gelistet würde ich das als unnötig erachten. In Krimis steht schliesslich auch kein Disclaimer „Leute töten ist doof, mach das bloß nicht“.
    Ich halte auch die meisten LeserInnen im Teenageralter durchaus für fähig zu differenzieren. Im Buch geht es auch um Drogen und Mord, doch die meisten Probleme haben die Leute scheinbar dennoch mit dem Spoilerthema. Wenn man es so genau nimmt müsste bald in jedem Buch noch eine psychologische Nachbearbeitung stattfinden.
    Ich finde die Spoilerszene war etwas unnötig, die Geschichte hätte diese nicht gebraucht. Mir war auch etwas unwohl dabei, das zu lesen und sie fügte der Geschichte meiner Meinung nach nichts wesentliches zu.

    Okay das war jetzt nicht „kurz“ 😀

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