Talking about revolution

Es ist so viel passiert in den letzten Wochen in Tunesien, aber ich bin nie so wirklich auf die Idee gekommen, darüber zu bloggen, weil ich davon ausging, dass es wahrscheinlich eh niemanden interessiert (mittlerweile sind die Zeitungen davon voll, aber vorher hat die Diktatur, die fast im ganzen Norden Afrikas herrscht, im Westen auch niemanden gejuckt).

Dabei ist es doch meine Heimat und gerade jetzt, wo ich endlich schreiben kann, was ich denke und fühle, ohne Angst haben zu müssen, dass ich bei der nächsten Einreise einkassiert werde und in einem dunklen Loch verrotte, wäre es doch die Gelegenheit, mal seinen Senf dazuzugeben… Spätestens nach Manuelas Tweet über die Bücher-Zensur hab‘ ich mich aufgerafft und werde mal das ein oder andere loswerden… Die, die Tunesien nur als superschönes Land mit supernetten Menschen und superleckerem Essen kennen, müssen jetzt sehr stark sein…

Erst war nur von Unruhen die Rede – eine kleine Zwischenmeldung im Kurz-Nachrichten-Blog bei RTL aktuell. Mohamed Bouazizi sah nach andauernden Schikanen der Stadtverwaltung bildlich rot und setzte sich selbst in Brand um gegen die Missstände bzgl. Arbeits- und Perspektivlosigkeit in Tunesien aufmerksam zu machen. Ein schlimmes Schicksal ohne Frage. Doch wer hätte vor 2 Wochen gedacht, dass dieser Suizid der Tropfen auf dem heißen Stein sein und meine Landsleute es in so kurzer Zeit nicht nur auf alle internationalen Titelblätter, sondern auch mit einer leider-nicht-ganz unblutigen Revolution schaffen würden ihren Despoten zu stürzen?

Ich nicht.

Seit ich denken kann, wurden mir im Urlaub zwei Dinge eingebleut: Regel 1: sprich nie schlecht über den Präsidenten und seine Familie. Schwer vorstell- und nachvollziehbar für einen Menschen, der in einem Land aufgewachsen ist, in dem nicht nur Kritik an der Regierung an der Tagesordnung ist, sondern wo Kanzlerin & Co. komödiantisch und satirisch  tagein tagaus durch den Kakao gezogen werden.

Regel 2: Leg Dich nicht mit der Polizei an. Dies fiel mir vor allem in den Jahren, in denen ich alleine nach TN  (Tunesien) und zurück gereist bin, am Zoll immer schwieriger, da junge Frauen aus dem Ausland da gerne mal das Ziel gelangweilter Polizisten und Zollbeamten sind waren. Also hielt ich meine Klappe und schwieg (wer  mich kennt, weiß, wie schwer mir das fällt 😉 ). Ich schwieg darüber, dass in fast jedem Laden im Land ein Bild von Zine el-Abidine Ben Ali an der Wand hing und ich ließ auch nichts darüber verlauten, dass ich immer mehr Kritik über den guten Zine im Internet las und in TN auch ab und an hinter vorgehaltener Hand hörte; da war u. a. von Folter und plötzlichem Verschwinden verschiedener Intellektueller die Rede, die keinen Bock hatten zu schweigen. Selbst als die Unruhen begannen und ich meine Eltern, die bis vorletzten Montag noch unten waren, anrief, kam diesen kein Wort über die anlaufende Revolution über die Lippen, aus Angst, das Telefon könne abgehört werden.

Jeden darauffolgenden Tag rückte meine Heimat ein  Stück weiter vor in den Nachrichten, bis irgendwann Peter Kloeppel und Konsorten ohne Umschweife ihre Nachrichten mit neuen Toten, Plünderungen und Demonstrationen aus Tunis und dem restlichen Land begannen. Am Freitag, den  14. Januar war es dann endlich soweit: dem guten Herrn Diktator wurde wohl klar, dass keiner mehr seine Lügen von wegen Ich trete 2014 auch nicht mehr als Präsidentschaftskandidat an und Ich verspreche Euch, ich werde neue Arbeitsplätze schaffen! glauben würde und tat das, was Feiglinge und Opportunisten in diesem Moment wohl am besten können: er floh. In Europa wollte ihn niemand haben (komisch, Sarkozy war doch bis dato ein großer Fan…) und so erreichte er am frühen Samstag Morgen des 15. Januar Jiddah in Saudi Arabien.

Seitdem ist einige Zeit ins Land gegangen und zwar wurde es Gott sei Dank in Tunesien etwas ruhiger, jedoch geht es nun in Ägypten drunter und drüber – der Verlauf ist exakt der Gleiche und ich hoffe, dass sich dies bis zum Ende auch durchzieht (wenn auch hoffentlich unblutiger) und Monsieur Mubarak sich ein Zimmer im gleichen Loch nimmt, in das sich Ben Ali mit seiner Sippschaft verkrochen hat; nun, wo er per internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Mich freut es – um wieder zum literarischen Thema zu kommen – dass nun Bücher die neuen Stars in Tunesien sind und nun jeder sich in dem Maße weiterbilden und informieren kann und darf, wie er/sie möchte. Ich habe mich immer ein bisschen gewundert, dass, wenn ich im Urlaub war, sich  jeder wunderte, dass ich so viel las und ich mir im Gegenzug keinen Reim darauf machen konnte, warum niemand in meiner Familie in seiner Freizeit ein Buch aufschlug. Jetzt weiß ich, dass wohl kaum einer große Lust auf den Einheitsbrei hatte und sich dann lieber vom TV berieseln ließ…

Ich hoffe und freue mich inschaAllah auf ein friedliches und vor allem DEMOKRATISCHES und wieder selbständig denkendes Tunesien. Welches, das nicht mehr unter dem Joch des Einheitsdenkens und Herdenlaufens leiden muss.

Für die unter Euch, die sich über die Situation auf dem Laufenden halten wollen, kann ich nur den Blog des Tunisian Girl empfehlen, welche unerschrocken und unermüdlich berichtet, auch bevor es richtig losging und dafür sehr viel aufs Spiel gesetzt hat – dafür meinen Respekt!

Veröffentlicht in Allgemein

5 Gedanken zu “Talking about revolution

  1. Wow. Danke, dass du uns an deinen doch sehr persönlichen Einblicken teilhaben lässt. Das ist vielleicht nicht einfach für dich. Ich habe die Meldungen der letzten Wochen wie viele andere auch über die Medien verfolgt, aber es ist was ganz anderes, deinen Artikel hier zu lesen. Danke dafür 🙂

  2. AS, den Artikel werde ich an meine tunesische Freundin weiterleiten. Es ist ein wunderschöner Akt der Balance zwischen Empörung und Hoffnung. Danke

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