[Rezension] Güner Yasemin Balcı – ArabQueen oder Der Geschmack der Freiheit

Wie das Buch den Weg zu mir gefunden hat:
Die Autorin hat mit dem Vorgänger Arabboy: Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A, das auch im Fischer Verlag erschienen ist, für ziemliche Furore gesorgt, entsprechend war mein Interesse an dem zweiten Werk ArabQueen ziemlich groß und der Fischer Verlag war so freundlich, mir ein Rezensionsexemplar zukommen zu lassen.

Zum Inhalt:
Freiheit fühlt sich im Kopf anders an als im Herzen.
Mariam führt ein Doppelleben: Zu Hause die folgsame Tochter kurdischer Eltern, in der Welt außerhalb die selbstbewusste »ArabQueen«, die mit ihrer deutschen Freundin Lena Tanzen geht und Jungs trifft, dies aber durch Lügen vor ihrer Familie zu verbergen weiß. Als der Vater ihr eröffnet, dass ihr Cousin Walid auf dem Weg nach Deutschland ist, um sie zu heiraten, weiß Mariam, dass sie eine Entscheidung treffen muss, an der sie zu zerbrechen droht.

Meine bescheidene Meinung:
Keine leichte Kost, das stand von Anfang an schon mal fest. Güner Balcı nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine fremde Welt: eine Welt, in der fast nie Deutsch gesprochen wird.  Eine Welt, in der Frauen eigentlich nur zum Gebären von Kindern, Dienen und Gehorchen ihres Mannes und Führen des Haushalts zu gebrauchen sind. Das Groteske ist jedoch, dass diese fremde Welt direkt bei uns vor der Haustür ist. „Diese Leute sind nicht integriert!„, schreien die Einen – „Solche Verhältnisse sind die Ausnahme!“, erwidern die Anderen.

Dass zumindest der letzte Satz so nicht ganz stimmen kann, zeigt uns die Autorin im vorliegenden Werk. Dass es ihr an Authentizität nicht mangelt, bestätigt ihr bisheriger Werdegang: die Journalistin, 1975 in Berlin als Tochter türkischer Gastarbeiter geboren,  arbeitete als Sozialarbeiterin in einem Modellprojekt zur Gewalt- und Kriminalprävention im Rollbergviertel, einem sozialen Brennpunkt Neuköllns, sowie in einem Mädchentreff für Jugendliche aus türkischen und arabischen Familien. Bevor sie mit der Geschichte Mariams beginnt, informiert Balcı den Leser darüber, dass ArabQueen auf wahren Begebenheiten tatsächlich existierender Personen beruht – was das Ganze in meinen Augen noch schrecklicher macht.

Fernab von einer Diskussion, inwieweit dieses Leben, das Mariam und ihrer Schwester beschert ist, muslimisch geprägt sein mag oder nicht (darüber könnte man nämlich stundenlang diskutieren und wäre am Ende leider genauso weit wie am Anfang auch), kann man sagen, dass es nicht dem entspricht, was der geneigte Westeuropäer unter Leben definieren würde. Die weiblichen Mitglieder in Mariams Familie haben tatsächlich fast keine Rechte. Die Schule wird den Mädchen gestattet, weil in Deutschland nun mal leider Schulpflicht herrscht und man Ärger mit den Ämtern riskiert. Aber nach 9 Jahren Schulpflicht ist auch damit Schluss und dann hat das Mädel gefälligst daheim zu bleiben. Okay, Tüten vom Supermarkt heimschleppen darf sie noch, aber so unmögliche Dinge wie Kino, spazieren oder gar bei einer Freundin übernachten? -undenkbar!

Mariam hat sich von Kindesbeinen an damit abgefunden, dass das Leben für sie nicht so spaßig werden würde wie für ihren Vater, ihre Brüder oder die restlichen männlichen Mitglieder der Familie. Die Brüder pflegen offenkundig ihre Liebschaften mit Mädels (bei denen es natürlich ausgeschlossen ist, später eine Ehe einzugehen, denn die hat man nur mit artigen, braven Jungfrauen) und auch der Vater geht gerne mal fremd. Wenn die Mutter diesbzgl. aufbegehrt oder der Vater mal wieder beim Kartenspiel sein Hartz IV verzockt hat, setzt es auch gerne für Mutter und Töchter eine Tracht Prügel – irgendwie muss man den Frauen ja zeigen, wer das Sagen hat in der Familie.

Doch eines Tages lernt Mariam Lena kennen und eine Transformation in ihr beginnt. Zu Hause mimt sie zwar noch die brave Tochter, die sich offensichtlich auch mit der Tatsache abgefunden hat, dass sie mit ihrem Cousin verheiratet werden soll. Im Geheimen jedoch „stiehlt“ sie sich immer wieder kleine Freiheiten wie mit Lena in die Disco zu gehen oder sich mit einem Jungen zu treffen. Wohlwissend, dass dies ernsthafte Konsequenzen haben kann (es ist auch überall bekannt, dass ein Mädchen, das die Familienehre beschmtutzt, dieses nicht immer lebendig übersteht), findet sie spätestens, seit sie in einem Mädchentreff ihres Viertels arbeitet, Gefallen am Geschmack der Freiheit.

Mir hat das Buch unheimlich gut gefallen, auch wenn es mich streckenweise sehr betroffen gemacht hat ob der in Mariams Familie und Umfeld herrschenden Umständen. Ich habe mich ziemlich oft dabei ertappt, wie ich mir selbst sagte Das können die doch nicht machen!, Das ist doch absolut unfair!, weil ich ab und an einfach nur schockiert war, weil auch hier wieder das bestätigt wurde, was sonst auch in diesen Familien als Alibi für die Behandlung der Frauen/Mädchen herhalten muss: die Religion. Nun könnte man streiten, wie rückständig, respektive fortschrittlich der Islam ist. Nicht streiten lässt sich jedoch über Fakten wie: auch Männer dürfen nicht fremdgehen, das Erlangen von Wissen und Bildung ist auch ein Privileg, das Frauen in Anspruch nehmen dürfen (und sogar müssen!) und nein – Töchter dürfen nicht, nur weil sie über einen Witz lachen, halbtot geschlagen werden. 

Güner Balcı schreibt genau so, wie einer Mariam der Schnabel gewachsen ist und da ich ja selbst Migrationshintergund habe (klingt das nicht klasse?), kenne ich mich da auch ein bisschen aus und kann leider bestätigen, dass das, was ich hier lesen durfte, KEINE Ausnahme ist und immernoch hier mitten in Deutschland so gelebt wird. Die Handlung ist authentisch, rasant, brutal und  beklemmend. Doch gegen Ende beginnt der Leser zusammen mit Mariam Hoffnung zu schöpfen und daran zu glauben, dass man Dinge, die unverrückbar scheinen, auch zum Guten wenden kann.

Wer von Berlin mehr erwartet als Brandenburger Tor und Siegessäule, bekommt mit ArabQueen einen guten Einblick in die Hinterhöfe der Brennpunkte Kreuzbergs und Neuköllns und deren – leider häufig auftretende, hässliche Fratze. Hier gibt’s eine Leseprobe.

Von mir gibt’s 4 Bücherbäumchen, da mich der Schluss ein bisschen unbefriedigt zurückgelassen hat.

 

 


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