Anita Amirrezvani – Das Lied der Rosen

Wie das Buch den Weg zu mir fand:
Im Bertelsmann Laden gab es die Aktion 5 Hardcover für 20 Euro. Da sich bei diesem Buch der Klappentext recht interessant anhörte, landete es im Einkaufskorb und dann in meinem Regal.

Zur Geschichte:
Ein persisches Dorf im 17. Jahrhundert:
Die 14-jährige Erzählerin (deren Namen im ganzen Buch unerwähnt bleibt) lebt wohlbehütet mit ihren Eltern in einem kleinen Bergdorf im südlichen Iran. Es ist ein besonderes Jahr, denn sie soll in den nächsten Monaten verheiratet werden. Jedoch werden ihre und die Pläne der anderen Einwohner von einem Kometen durchkreuzt, der nahendes Unheil verkündet. Letzteres lässt nicht lange auf sich warten: der Vater der Familie stirbt und mit ihm die Chance, eine durch Mitgift finanzierte Ehe einzugehen. Da nun niemand mehr für den Lebensunterhalt aufkommen kann, ziehen Mutter und Tochter nach Isfahan, wo sie bei einem Halbbruder des Vaters, einem renommierten Teppichknüpfer und Vorsteher der königlichen Teppichmanufaktur, und dessen herrischer Frau unterkommen.

Dort fristen Mutter und Tochter ein Dienstbotendasein, bekommen regelmäßig zu spüren, dass sie nur geduldete Gäste sind. Die Tatsache, dass sie in der Familie Obdach gefunden und auch immer reichlich zu essen und zu trinken haben, lässt sie die Bosheiten und Demütigungen der Frau des Onkels aushalten. Der Onkel entdeckt die Begabung des Mädchens, wundervolle Teppiche zu knüpfen, kann sie jedoch nicht offiziell ausbilden, da sich dies als Frau nicht schickt (zumindest nicht in der Isfahaner Oberschicht). Da das Geld knapp ist, wird der Erzählerin also nach einiger Zeit angeraten, einen angebotenen sigeh – also eine Ehe auf Zeit, einzugehen. Diese Ehe ist vergütet und der Vertrag dauert lediglich 3 Monate, hat jedoch Chancen auf eine Verlängerung, wenn sie ihren Gemahl sexuell zufrieden zu stimmen vermag.

Neben ihren nächtlichen Ausflügen in die Arme ihres Mannes bildet sie sich unermüdlich im Teppich knüpfen aus, so dass sie eines Tages den Mut fasst, sich selbst und ihrer Mutter ein eigenständiges Leben zu finanzieren, was jedoch nicht ohne Folgen bleibt…

Meine bescheidene Meinung:

WOW! Eigentlich ließe sich mit diesen 3 simplen Buchstaben mein Eindruck dieses Buches erklären . Ich hatte weder von der Autorin noch von dem Buch zuvor etwas gehört (das Erstere ist nicht verwunderlich, da Das Lied der Rosen Amirrezvanis Erstlingswerk ist und lt. Amazon bisher leider noch keine anderes dazugekommen ist. Angetan war ich alleine schon von dem schönen Cover, das in einem sehr schönen Rot und orientalischen Muster und Blumen aufgemacht ist. Als ich dann den Klappentext las, erinnerte mich dieser sofort an eines meiner Lieblingsbücher Der Morgen der Trunkenheit von Fattaneh H. Seyed Javadi. Also nichts wie ab damit auf den SUB, wo es glücklicherweise auch nicht lange liegen blieb.

Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, dass mich so mit der Protagonistin hat mitfiebern und -fühlen lassen wie dieses. Sie ist einem sofort sympathisch, da sie so gar nicht ist, wie sie sein sollte und wie die damalige Gesellschaft sich ein junges Mädchen im besten Heiratsalter („alle meine Freundinnen in meinem Alter waren schon längst verheiratet“ vorstellt. Da ihre Eltern keinen Sohn bekommen konnten (sie selbst kam auch erst nach 15 Jahren Ehe zur Welt), behandelt ihr Vater sie wie einen Sohn, geht mit ihr Wandern und unterstützt sie in ihren Vorhaben. Die Liebe, die ihre Eltern ihr entgegen bringen, obwohl sie „nur“ ein Mädchen ist, ist förmlich zu spüren und man merkt in jeder Zeile, wie behütet und liebevoll sie ihre Kindheit in den Bergen verlebt.

Als Mutter und Tochter ihre Reise nach Isfahan antreten, packt auch der Leser seine Koffer und ist live dabei, wenn sie in der Stadt, der „halben Welt“, ankommen.

Als wir weiter auf den Platz hinausschritten, fiel mir auf, dass fast alle Gebäude mit Fliesenmosaiken in den reinen Farben von Sonne und Himmel verziert waren. Die Kuppel der Königsmoschee wirkte von Weitem wie pures Türkis, war jedoch durchwirkt von verschlungenen Ranken in Gelb und Weiß. Weiße und türkisfarbene Arabesken zierten die zitronengelbe Kuppel der privaten Moschee des Schahs. Auf den mosaikverzierten Eingangsportalen zu den Moscheen mit ihren spitzen Torbögen prangte eine Vielfalt weißer Blumen, die wie Sterne in eniem dämmrigen Blau funkelten. Jede Oberfläche eines jeden Gebäudes schimmerte vor Ornamenten, als habe ein Meistergoldschmied die feinsten Türkise, die blauesten Saphire, die leuchtendsten Topase und reinsten Diamanten zu Mustern gefügt.

Auch später, wenn die Erzählerin das 1. Mal über den großen Bazar schlendert, ist man mittendrin, die Gerüche der Gewürze, das Schreien der Händler und die Seide der Teppiche, die sie anfertigt; die Autorin bedient sich einer solchen Fülle von Worten, die es einem erlauben, all das hautnah mitzuerleben.

Was mich auch bei diesem persischen Buch fasziniert hat, ist die Blumigkeit und Schönheit der Sprache. Die Perser nennen dies tarof. Dazu zählen Wünsche und Komplimente wie „Mögen Deine Hände niemals schmerzen“ oder auch „Möge Allah die Blüten Deiner Hände segnen“. Klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas schmalzig, passt aber sehr gut in die Geschichte und die Atmosphäre hinein. Ebenso wie die Märchen, die zwischendurch von der Mutter – einer begnadeten Geschichtenerzählerin erzählt werden. Leider muss die Protagonistin nach und nach feststellen, dass das Schicksal es mit ihr wohl nicht so „gut“ wie in den Märchen gemeint hat.

Alles in allem eine Reise in den Orient auf knapp 400 Seiten – volle Punktzahl von mir!


Ein Gedanke zu “Anita Amirrezvani – Das Lied der Rosen

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